Eigentlich sind absichtliche Provokationen und Grenzüberschreitungen im Sinne von Satire dafür da, daraus zu lernen. Im besten Falle ist man beschämt, wenn man sich dabei ertappt, den Spiegel vorgehalten zu bekommen.
Ob und in welchem Maße dieses Kunststück der GTA-Reihe bisher gelungen ist und wo einfach nur pubertär der Mittelfinger gezeigt wurde, will ich nicht bewerten. Daher will ich auch nicht unreflektiert der Tatsache hinterhertrauern, dass sich da jetzt grundlegend etwas am Stil ändert.
Ich möchte aber mein Bedauern zum Ausdruck bringen, dass es in unseren westlichen Gesellschaften anscheinend so schlecht um Diskussionskultur und Bereitschaft zum Verständnis bestellt ist, andererseits sich jeder als Moralapostel aufspielt und außer viel Erregung meist keine sachlichen Argumente zu bieten hat, dass man sich zu diesem Schritt genötigt sieht. Wäre man wirklich in der Breite so tolerant und liberal, wie alle gerne von sich glauben wollen, gäbe es auch vielmehr Gelassenheit und Sachlichkeit im Umgang mit sensiblen Themen, Äußerungen und man könnte sich viel öfter irgendwo in der Mitte treffen oder einfach agree to disagree und friedlich auseinandergehen. Muss man denn immer zu allem und jedem eine ganz klare (einseitige) Haltung haben bzw. einfordern?
Dann lass es da doch einfach "dieses Spiel" geben, wo alle möglichen Gruppen diffamiert werden. Muss man ja nicht gut finden und schon gar nicht selber spielen oder gar weiterempfehlen. Fertig. Je weniger Aufmerksamkeit dafür, umso besser.
Ich glaube, dass man sich mit dem Ansatz, bloß niemals irgendwen beleidigen zu wollen - bei aller berechtigt einforderbaren Diskriminierungsfreiheit - mehr schadet als hilft. Wie handelt denn eine Gesellschaft aus, was abseits der Rechtsnormen ok ist und was nicht? Sicher nicht durch kollektives Schweigen und Verbleib beim oberflächlichen Schönwetter-Smalltalk. Dann radikalisiert sich halt jeder selbst, wenn das Korrektiv fehlt und sich jeder in seine Echokammer im Netz flüchtet.
Trimipramin schrieb:
Die Zeiten von Somuncus "jeder hat rein Recht auf Diskriminierung" sind hoffentlich vorbei. Denn: Worte
schaffen Denken. Und Denken schafft Taten.
Ja und nein. Ich würde sagen, dass kommt auf die Ebene an, auf der sich das abspielt. Es gibt sicherlich genug Beispiele, wo Narrative, Verschwörungserzählungen und Hetze als langsam wirkendes, verbales Gift in eine Gesellschaft einsickern und in der Folge dessen bei dafür empfänglichen Personen das Denken grundlegend beeinflussen. Darauf kann dann auch leider ein Handeln folgen.
GTA hat sich aber, soweit ich weiß, nicht auf dieser Ebene von konstruierten Gesamterzählungen abgespielt und schonmal gar nicht mit ernstem Tonfall. Dieses eher typische Machogehabe, Raushauen von Sprüchen und Spielen mit Klischees hat eher als Anschauungsmaterial gedient für einen karikierten Durchschnittsami von gestern. Als strahlende Helden habe ich die Protagonisten jedenfalls nicht in Erinnerung, sondern eher als tragische Figuren, die häufig einfach überfordert sind und scheitern. Und damit auch zum Teil ihre Ansichten.
In einem Bühnenprogramm würde man halt in die Rolle einer Kunstfigur schlüpfen, da ist dann die Darbietung als solche klarer erkennbar als in dem Medium Videospiel, dass sich nie allein auf Texte oder die bildliche Darstellung von Figuren reduziert, sondern immer ein weitergefasstes, interaktives Gesamtkunstwerk ist.
(Aber: es braucht auch schlechte Beispiele, um daran zu lernen und darüber zu verhandeln. Ich habe nie verstanden, warum es so ewig lange gebraucht hat, eine kommentierte Ausgabe von "Mein Kampf" zu erstellen, während man das unkommentierte Original im Ausland zumindest als Übersetzung bekommen konnte.)
Andererseits kann man entgegnen, ob es nicht ein Fortschritt, zumindest bei uns ist, Aggressionen verbal rauszulassen und nicht physisch. Wenn man weiterhin annimmt, dass Aggression zum menschlichen Wesen gehört, also nicht prinzipiell unterdrückbar sondern bestenfalls lenkbar ist, sollte man Räume haben, in denen diese auch stattfinden kann. Im Idealfall kommt es dann nachgelagert zum Diskurs statt zum Faustkampf und es "gewinnt" nicht der Stärkere, sondern das bessere Argument. Wunschdenken - ich weiß.
Ich befürchte nur, dass es vermehrt zur Ausweichbewegung hin zur physischen Gewalt kommt, wenn man das verbale Ventil zudreht, bzw. auf diesem Weg die Leute noch verrückter macht. Ist das dann die bessere von zwei schlechten Lösungen?
Meiner Meinung nach sollte man jedenfalls ganz dringend von der Empörungsautomatik wegkommen, die immer nur auf Begriffe abhebt, und nie nach Hintergründen und Zusammenhängen fragt. Wenn man nämlich den überzeugten Rassisten in denselben Topf wirft wie den Kabarettisten, der eben jenen persifliert, ist man selbst intellektuell soweit hintendran, dass man sich nicht anmaßen sollte, sich zu erregen und Vorschriften zu machen, was nicht mehr sagbar sei.
Ich glaube dabei gar nicht mal, dass die meisten Leute wirklich zu doof sind, um den Unterschied zu begreifen. Nur irgendwie zunehmend emotionalisiert und mit kurzer Zündschnur, sodass der vernünftige Gedanke oft gar nicht oder zu langsam an den Gefühlen vorbeikommt und der Wutausbruch einfach schneller stattfindet als es Zeit bräuchte, zu reflektieren. Das ist vielleicht ein Symptom unserer klickzahlgeilen, Hochgeschwindigkeitsmedienkultur.
In der Ankündigung bezüglich GTA erkennt man dann doch das Muster vom vorauseilenden Gehorsam, und da müssen wir alle gewarnt und vorsichtig sein:
Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen gesellschaftlichem Wandel, der sich auf begründete Sichtweisen und Überzeugungen stützt (Sinti und Roma nennt man nicht Zigeuner, weil es eine oft negativ konnotierte Fremdbezeichnung ist) und dem Einknicken vor dümmlicher Undifferenziertheit ("Er hat das Z-Wort gesagt!" "Aber doch nur, um zu erklä..." "Nazi!" "Sag ich halt gar nichts mehr" ; findet so ähnlich in jeder Talkshow zu dem Thema statt).
Ersteres ist wünschenswert, kann aber nicht erzwungen werden, kommt dafür dann aber von alleine und nachhaltig. Letzteres befördert eigentlich nur durch Belohnung und Bestätigung den Mechanismus, dass fast jeder für sich von der Gesellschaft an Verhaltenweisen einfordern kann, was er will, solange er das nur mit ausreichend großer Kränkung, nicht mal notwendigerweise seiner selbst - siehe Dreadlocks und "kulturelle Aneignung" - begründen kann und dabei laut genug schreit. Dialog? Fehlanzeige. Ist zwar weder demokratisch noch liberal aber leider gerade in Mode.
Außerdem verstehe ich nicht, welchen Mechanismus man dahinter vermutet, wenn ein Spiel sogenannte explizite Sprache enthält. Dass jeder, der GTA spielt, sofort zum xy-phoben A.loch mutiert? Dann könnte man ja auch gleich wieder die alte Killerspiel-Amokläufer-Debatte führen. Die war in der Sache, wie im Stil genauso dämlich wie das, was wir jetzt erleben.
Wieder wird die Verantwortung für die Rezeption eines Inhalts allein beim Sender abgeladen. Und der muss dann bitte ab Werk alles hundertprozentig korrekt abliefern.
Entscheidend ist doch nicht, ob ich ganz gerne ein Spiel spiele, von dem es ein kleiner Teil ist, dass Frauen permanent als bitches betitelt werden. Es kommt doch darauf an, wie ich mit der Kassiererin im Supermarkt umgehe. Klar, wer so gar nicht erzogen ist und keinen intakten Wertekompass hat, mag von einem GTA alter Machart auch negativ beeinflussbar sein. Ein Problem hat derjenige aber auch so.
Sicherlich ist den USA die Kultur noch mal eine andere, weswegen ich die Macher von GTA auch ein bisschen verstehen kann. Da reicht schon ein beleidigter Depp, der klagt und ein Richter samt Jury, die damitmachen und schon kann es richtig teuer werden.
Mich besorgt es aber, dass die "Opfer", wenn man jemanden wie Rockstar/GTA, der immer kräftig ausgeteilt hat so nennen mag, immer prominenter werden.
Ich bin sehr gespannt, wie das weitergeht. Und dass man das Spiel mit einer männlichen und einer weiblichen Hauptfigur spielen kann, finde ich einen zeitgemäßen Kompromiss bezüglich Geschlechterrepräsentation. Gibt's bei AC ja auch schon seit Syndicate.