Google AI Overview: Tappt Google bei den Suchagenten in die Copilot-Falle?
2/2Agenten sind nicht umwälzend – die Revolution läuft ohnehin
Von einer Zeitwende, die von den Neuerungen der I/O 2026 ausgeht, will Christian Kunz allerdings nicht sprechen. Schon vor dem KI-Zeitalter hatten Betreiber von Nachrichtenseiten Schwierigkeiten mit der Finanzierung. „Wir haben jetzt schon teilweise die Situation, dass man in der Suche kaum noch Inhalte bekommt, die nicht hinter einer Paywall stecken“, sagt Kunz zu ComputerBase. Der Start des AI Overviews war so gesehen auch kein Zeitenbruch. Wie so oft in den letzten Jahren ist die KI-Entwicklung ein Katalysator für ohnehin laufende Trends.
Was bei ihm zwei Wochen nach Googles Entwicklerkonferenz hängen geblieben ist, ist daher der Eindruck, dass es gar „nicht zu umwälzenden Änderungen gekommen ist, wie ich es erwartet hätte“. Was Google präsentiert habe, sei im Grunde ein erweitertes Suchfenster. Hinzu kommen noch Neuerungen wie die Suchagenten, was aber noch Zukunftsmusik ist. „Im Großen und Ganzen bleibt die Suche erstmal so wie sie ist“, so Kunz.
Dass die blauen Links auf absehbare Zeit verschwinden, glaubt er ebenfalls nicht. Nach wie vor sind die Ergebnislisten ein Grundpfeiler für das Werbegeschäft, das Googles KI-Investitionen finanziert. 60,4 Milliarden US-Dollar war der Umsatz, den Google im ersten Quartal 2026 mit der Werbung rund um die Suchmaschine einnahm; das ist ein Anteil von 78 Prozent an Googles gesamtem Werbegeschäft und 54 Prozent vom Gesamtumsatz.
Online-Handel profitiert sogar von KI-Suche
Ohnehin hänge der Einfluss von Googles KI-Antworten stark vom Thema ab. Wenn man nach Informationen sucht, um beispielsweise etwas über einen Ort oder eine Person zu erfahren, dann werden die KI-Antworten immer mehr zum Standard. In anderen Bereichen wie dem E-Commerce sehe man hingegen keine deutlichen Verluste, vielmehr steigen die Klickzahlen in diesem Sektor sogar. „Das deutet darauf hin, dass wir eine Aufteilung haben“, so Kunz.
Für diese Ergebnisse sprechen auch die Zahlen des Analysedienstes Sistrix, die OMR im März veröffentlichte. Während Amazon nur 1,7 Prozent an Klicks einbüßte, waren es bei Gesundheitsportalen wie Doccheck.com und Netdoktor 20 Prozent und mehr. Schon im letzten Jahr zeigten Analysen, dass News-Seiten sogar mehr als 30 Prozent einbüßten.
Wie üblich ist es bei den Details also komplizierter. Google selbst redet den Einfluss der KI-Suche ohnehin klein. Lieber spricht man von einem größer angelegten Wandel. „Die Vorlieben der Nutzer verschieben sich hin zu neuen Formaten wie Podcasts, Foren und Videos. Wir gestalten unsere Produkte ganz bewusst so, dass Nutzer genau die Websites finden, die für sie wertvoll sind“, schreibt Google auf Anfrage von OMR.
Klar ist aber, dass die KI-Revolution stattfindet und (zumindest) die Informationssuche im Web umkrempelt.
Wenn Suchagenten autonom nach Informationen fischen: Die nächste Ausbaustufe der KI-Suche
Suchagenten sind Teil der Änderung. Sie waren – wie im Rest der KI-Branche – das bestimmende Thema bei der I/O 2026. Ein Überblick über die relevanten Neuerungen:
- Dynamisches Suchfeld: Je nach Anfrage vergrößert sich das Suchfeld und ebnet gegebenenfalls den direkten Weg in den KI-Modus. Über Folgefragen im AI Overview ist dieser ohnehin wesentlich leichter zu erreichen.
- Suchagenten: Nutzer müssen nicht mehr selbst Anfragen erstellen, sondern können Agenten einrichten, die eigenständig auf Informationssuche gehen – nach Neuigkeiten, nach Shopping-Schnäppchen, nach Wohnungen. Entdeckt der Agent passende Inhalte, wird der Nutzer benachrichtigt.
- Agentic Booking: KI-Agenten, die etwa die Reiseplanung abnehmen, indem sie autonom passende Hotels, Events und Restaurants buchen.
- Shopping-Agenten: Mit der Universal Cart erweitert Google das Ökosystem um eine Art intelligenten Warenkorb. Über die Suche, YouTube oder die Gemini-App kann man Produkte oder Dienste markieren, der Agent im Hintergrund analysiert Preise und sucht nach passenden Angeboten. Wer also etwa eine bestimmte Grafikkarte möglichst günstig sucht, kann sich so – idealerweise ziemlich zeitnah – über Drops und Angebote informieren lassen.
- KI-generierte Ergebnisseiten: Basierend auf dem Coding-Agenten Antigravity entwickelt Google einen Suchmodus, bei dem die komplette Ergebnisseite mit Diagrammen, Fotos und Videos individuell gestaltet wird.
Solche Agenten haben Potenzial, den Druck auf das Web-Ökosystem noch weiter zu erhöhen. Wie sich so etwas auswirkt, lässt sich etwa anhand der Sport-Nachrichten erklären. Wenn sich etwa beim Profi-Fußball das Ende des Transferfensters nähert, kochen Gerüchte hoch. Über Wochen und teilweise Monate kursieren Spekulationen und Meldungen. Fans bewegen sich in solchen Zeiten intensiv auf Insider-Seiten und Fußball-Portalen. Informationsagenten, die Google einführen will, können solche Recherchen ersetzen. So kann man den Agenten etwa beauftragen, sich jeden Abend ein Briefing über die aktuellen Gerüchte liefern zu lassen. Die Fußball-Portale werden so zum Informationslieferanten degradiert, Google hält die Nutzer hingegen im eigenen KI-Ökosystem.
Mit den Suchagenten geht man dabei sogar noch einen Schritt weiter. Sowohl bei der herkömmlichen Suche als auch bei den KI-Suchen müssen Nutzer immerhin noch selbst tätig werden. Wenn aber die eigenen Agenten das Web durchsuchen und Antworten ins Haus liefern, entwickelt sich das Google-Ökosystem zum dominierenden Lieferanten des alltäglichen Wissens. Noch mehr Zentralisierung.
Von einem Todesurteil für das Web will Kunz aber nicht sprechen. Er verweist eher auf schon vergangene Medienwandel. „Das ist wie mit dem Fernsehen oder Radio. Das haben auch schon viele totgesagt und trotzdem hören noch viele Leute Radio.“ Ohnehin kommt so eine Entwicklung nicht von heute auf morgen. Es wird sich über viele Jahre hinziehen. Und man solle laut Kunz auch nicht unterschätzen, wie groß das Interesse von Lesern daran ist, teilweise auch Seiten selbst abzuklappern.
Erreicht auch Google irgendwann den KI-Kipppunkt?
Insbesondere bei den Suchagenten stellt sich jedoch die Frage, inwieweit die Nutzer diese verwenden werden. Beim AI Overview und dem KI-Modus verkündet Google enorme Erfolge; die KI-Dienste verzeichnen 2,5 Milliarden und 1 Milliarde monatlich aktive Nutzer. Die Akzeptanz scheint also grundsätzlich vorhanden, selbst wenn es speziell seit der I/O 2026 wieder vermehrt Berichte über Fehler des AI Overviews gibt. So scheitert dieser etwa daran, das Wort „Google“ korrekt zu buchstabieren – die Frage nach der Anzahl der „P“s in Google lässt das Modell mehrfach halluzinieren. „Niemand hat euch gebeten, das Suchfenster zu verändern, wir wollten reparierte Ergebnisse“, schreibt ein Reddit-Nutzer (via Futurism).
Die alternative Suchmaschine DuckDuckGo meldete schon neue Nutzerrekorde. SEO-Experte Kunz wirkt jedoch skeptisch: „Die Kritik war ja schon deutlich stärker. Das klassische Beispiel sind der Klebstoff auf der Pizza und die Steine, die man essen sollte. Solche Fehler haben auch nicht dazu geführt, dass die Leute gesagt haben: ‚Ach, jetzt lasse ich das, jetzt will ich keine KI-Ergebnisse mehr haben‘.“
Was der entscheidende Vorteil für Google bei der KI-Suche ist: Diese fügt sich in die klassischen Suchgewohnheiten ein. Wer Anfragen stellt, bekommt eben nicht nur Ergebnislisten, sondern direkt eine Antwort – was de facto sogar ein Mehrwert ist. Interessanter wird es jedoch bei den Suchagenten, die Nutzer selbst einrichten müssen. Eine Neuerung im Alltag mitnehmen oder selbst tätig werden – das sind zwei sehr große Unterschiede.
Wie kompliziert die Einführung von KI-Assistenten auf bestehende Plattformen ist, erlebte Microsoft mit der Copilot-Integration in Windows 11. Die entwickelte sich für den Konzern mehr und mehr zum Debakel und schadete dem Ruf des ohnehin unbeliebten Betriebssystems. Die Antwort war Microsofts öffentlicher Kotau und zumindest eine kleine Kehrtwende: Microsoft sammelt die Copilot-Schaltflächen wieder ein, die man zuvor quer über Windows verteilt hat.
Google könnte nun ebenfalls in eine Copilot-Falle tappen, analysierte The Verge bereits im Vorfeld der I/O 2026. Gemini ist bereits fester Bestandteil zahlreicher Google-Apps wie Gmail. Sollte Google die Suchagenten ab dem Sommer überrepräsentiert vermarkten, droht auch bei Google irgendwann der KI-Kipppunkt.
Das hätte lediglich Auswirkungen auf Googles erweiterte KI-Pläne, bei denen man mit Agenten wie Spark tiefer in den Alltag der Nutzer eingreifen will. Ob die Agenten floppen oder nicht, spielt für die KI-Suche indes keine Rolle – diese kommt. Und Nutzer werden künftig voraussichtlich mehr für hochwertige Informationen zahlen müssen.
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