DevPandi schrieb:
Nein, Igors Test ist gut an der Stelle, keine Frage. Jedoch nicht wissenschaftlich. Um wissenschaftlichen Ansprüchen zu genüg, müsste da viel mehr gemacht werden. Da reden wir dann nicht nur von Samples im einstelligen oder zweistelligen Bereich und von einer Charge. Genauso müssen dann ganz andere Anforderungen gestellt werden und ebenso alles mögliche an Toleranzen transparent kommuniziert werden.
Der Kern des Missverständnisses liegt sicher mal wieder darin, dass „akademisch“ und „wissenschaftlich“ häufig gleichgesetzt werden, obwohl sie methodisch und zielgerichtet etwas völlig Unterschiedliches bedeuten.
Ein rein akademischer Test ist primär erkenntnisorientiert. Er wird in der Regel an Hochschulen oder Forschungseinrichtungen durchgeführt und verfolgt das Ziel, allgemeingültige Aussagen über Zusammenhänge, Gesetzmäßigkeiten oder Materialverhalten zu treffen. Dafür werden große Stichprobenumfänge benötigt, oft aus vielen Chargen und über lange Zeiträume hinweg. Statistische Signifikanz, Konfidenzintervalle, Varianzanalysen und Fehlerfortpflanzung stehen im Vordergrund. Die Versuchsanordnung wird häufig bewusst vereinfacht oder abstrahiert, um einzelne Effekte isoliert untersuchen zu können. Ein akademischer Test beantwortet damit die Frage, wie sich ein Materialtyp im theoretischen Mittel verhält, nicht zwingend, wie sich ein konkretes Produkt in einer realen Anwendung schlägt.
Ein wissenschaftlicher Test im industriell-technischen Sinne ist dagegen anwendungsorientiert. Er folgt definierten Normen oder normnahen Verfahren, etwa ASTM (bei mir 5470), ISO oder DIN, und zielt auf Reproduzierbarkeit, Vergleichbarkeit und technische Aussagekraft unter kontrollierten Randbedingungen ab. Hier ist nicht die maximale Stichprobengröße entscheidend, sondern die saubere Definition der Prüfparameter, die Kontrolle aller Einflussgrößen und die transparente Angabe von Messunsicherheiten. Genau so werden Materialien bei Herstellern, Zulieferern, OEMs und Prüflaboren qualifiziert. Ein solcher Test ist wissenschaftlich, weil er messbasiert, reproduzierbar, nachvollziehbar und falsifizierbar ist, auch wenn er sich bewusst auf eine Charge oder ein definiertes Sample (bei mir 4 Chargen) beschränkt.
Mein ASTM-basierter Test fällt eindeutig in diese zweite Kategorie. Er ist nicht akademisch im Sinne einer breit angelegten statistischen Grundlagenstudie, aber er ist wissenschaftlich im Sinne einer normorientierten Materialcharakterisierung. Alle relevanten Größen, thermischer Widerstand, effektive Wärmeleitfähigkeit, Bond Line Thickness und Interface-Anteil, werden unter definierten Bedingungen ermittelt, mit dokumentierten Toleranzen, Regressionsgüten und Messunsicherheiten. Die Ergebnisse sind reproduzierbar und zwischen Produkten direkt vergleichbar, was genau dem Zweck solcher Tests entspricht.
Die Forderung nach sehr großen Stichproben und vielen Chargen ist daher keine Voraussetzung für Wissenschaftlichkeit, sondern für eine bestimmte Art von Wissenschaft, nämlich akademische Statistik und Grundlagenforschung. Diese beantwortet andere Fragestellungen, etwa Langzeitverhalten, Chargenstreuung oder Alterungseffekte über Jahre hinweg. Dass ein Test diese Aspekte nicht abdeckt, macht ihn nicht unwissenschaftlich, sondern definiert lediglich seinen Gültigkeitsbereich.
Aber ich kann hier beruhigen, denn Erstens werde ich zumindest die Top 10 und alle Pasten, bei denen Auffälligkeiten gemeldet werden, periodisch oder bei sichtbarem Bedarf nachtesten und Zweitens werde ich die Top-Pasten beginnend im Januar auch alle industriell auf echte Haltbarkeit testen. So ein Investment scheuen sogar die meisten Pastenhersteller selbst.
